Bruno Rechenbär

Freie Arbeit im Mathematikunterricht

Von der gelenkten Freiarbeit zur freien Freiarbeit im Mathematikunterricht der Grundschule

Beim Bereitstellen von Arbeitskarteien und Arbeitsheften bestand die Gefahr, dass die Kinder in den freien Arbeitsstunden diese Aufgaben „stur abarbeiten" und sich so der beabsichtigten Planung ihrer individuellen Arbeit entzogen. Zwar hatten sie die Aufgabe aus einem größeren Angebot, ihren Arbeitsplatz und das Arbeitstempo gewählt, doch das musste nicht heißen, dass die zur Verfügung gestellten Aufgaben ihren tatsächlichen Interessen entsprachen. Sie wählten dann möglicherweise nur die Aufgabe aus, die ihnen am wenigsten unsympathisch waren.
Dem "sturen Abarbeiten" versuchte ich zu begegnen, indem ich in den Arbeitsheften, zusätzlich zu den zu bearbeitenden Aufgaben, fast leere „Werkstattseiten" anfügte. Auf den Werkstattseiten wurden die Kinder aufgefordert, ähnliche Aufgaben zu „erfinden" und zu berechnen. Ähnlich sind die Aufgaben insofern, weil ich auf den Werkstattseiten meistens noch die Aufgabenstruktur, jedoch ohne Zahlen vorgab. Wurden in dem Arbeitsheft z.B. „schöne Additionspäckchen" gerechnet, dann enthielten die Werkstattseiten leere Pluspäckchen mit dem Hinweis, selbst schöne Päckchen zu erfinden und auszurechnen. Wurde in dem Arbeitsheft mit Tabellen gerechnet, dann standen z.B. leere Tabellen auf den Werkstattseiten.
Nun muss man nicht annehmen, dass die Werkstattseiten bei allen Kindern auf ungeteilte Zustimmung stießen. Es kam immer wieder vor, dass die Kinder nachfragten, ob sie die Werkstattseiten nicht ausfallen lassen können. Die Bearbeitung dieser Seiten war für mich aber, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, nicht verhandelbar.
Es gab aber auch Kinder, die nach einer gewissen Zeit die Hefte gezielt danach auswählten, ob sie Werkstattseiten enthielten. Sie fühlten sich von diesen Aufgaben anscheinend herausgefordert und haben erlebt, dass sie in der Lage sind, ihre Arbeit selbst gestalten zu können.
Konnte ich das in der Klasse bei Kinder beobachten, dann schlug ich ihnen vor, eigene Arbeitshefte anzufertigen.
Die Kinder meiner letzten vierten Klasse, die von der damaligen Lehramtsanwärterin Antonia Stams unterrichtet wurde, gingen dabei unterschiedlich anspruchsvoll vor:
  • Meistens stellten die Kinder Aufgabenhefte in dem ihnen bekannten Format der Bruno-Rechenbär-Hefte her. Sie fertigten dabei zu einem Thema jeweils ein Aufgabenheft mit den noch nicht ausgerechneten Aufgaben und zusätzlich ein Lösungsheft her, in dem alle Aufgaben von ihnen gelöst worden sind. Diese Mehrarbeit wurde in der Kontrollkarte mit zwei Stempeln honoriert.
  • Anfangs orientieren sich die meisten Kindern inhaltlich und formal an den bekannten Aufgabentypen. Es werden z.B. weitere Additions-, Subtraktions-, Verdoppelungs-, Halbierungs-, Spiegel- und Soma-Hefte angefertigt (Beispiele 1, 2 und 4).
  • In geringerem Umfang haben die Kinder die bekannten Inhalte und Verfahren in vollkommen neue Zusammenhänge gestellt (Beispiele 3 und 5) und eine eigenständige Planung und Durchführung nachgewiesen.
  • In dieser Arbeitsweise, die ich regelmäßig im (dritten und) vierten Schuljahr anzuregen versuche, liegt auch begründet, dass ich für die vierten Klassen deutlich weniger Aufgabenhefte für die Kinder zur Auswahl habe, als das in den anderen Klassenstufen der Fall ist. Ist die Arbeit an eigenen Aufgabenheften erst einmal auf fruchtbaren Boden gefallen, werden die vorgegebenen Angebote auch von leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern nur noch nachrangig beachtet.